Dass während der Fastenzeit seit Jahrhunderten religiöse Musik entsteht, die sich mit den Themen dieser besonderen Zeit auseinandersetzt, ist nichts Neues. Doch wie können wir sie heute verstehen? Warum lohnt es sich, Musik der Fastenzeit zu hören? Und was können wir in ihr entdecken, obwohl wir aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten kommen und verschiedenen Gemeinschaften angehören?
Die Musik der Fastenzeit bleibt vor allem deshalb bedeutsam, weil sie von universellen Erfahrungen erzählt: von Leid, Einsamkeit und der Suche nach Sinn. Erfahrungen also, die unabhängig von der eigenen Weltanschauung nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Zugleich lehrt sie uns, in einer von Reizen geprägten Welt anders zuzuhören: aufmerksamer, konzentrierter und mit einer besonderen Bereitschaft zum Innehalten. Sie schafft Raum für die Auseinandersetzung mit schwierigen Gefühlen, denen wir im Alltag oft ausweichen, und ermöglicht es, sie bewusst zu erleben und zu verarbeiten. Schließlich erinnert sie auch an die gemeinschaftliche Dimension des Erlebens. Sie eröffnet die Möglichkeit, selbst das Schwerste gemeinsam zu tragen, auch wenn jeder Mensch darin eine eigene Bedeutung findet.
Mein Wunsch ist es, dass ihr ein besseres und sorgenfreieres Leben führt als ich. Lehrt eure Kinder die Tugend, denn nur sie kann einen Menschen glücklich machen, nicht das Geld. Das sage ich aus eigener Erfahrung. (...) Lebt wohl und liebt einander. Mit diesen Worten wandte sich der leidende und durch seine Krankheit zunehmend vereinsamte Beethoven in seinem Heiligenstädter Testament an seine Brüder. Kurz darauf, im Herbst 1802, schrieb er sein einziges Oratorium Christus am Ölberge. Betrachtet man den Text des Testaments und das Libretto des Oratoriums genauer, entsteht der Eindruck, dass Beethoven in beiden auf besondere Weise eine gemeinsame, universelle Erfahrung zum Ausdruck brachte.
Haydn lässt uns noch mehr Raum für unser ganz persönliches Erleben. Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze bestehen aus sieben rein instrumentalen Meditationen. Die Worte, bei denen es sich eigentlich um kurze Sätze handelt, sind seit Jahrhunderten Gegenstand theologischer Betrachtungen, wissenschaftlicher Untersuchungen und künstlerischer Auseinandersetzungen. Die dazu komponierte Musik wirkt bis heute überraschend. Haydns Musiksprache, die wir sonst oft mit Klarheit und eindringlichen Bildern verbinden, eröffnet hier eine ganz andere Welt der Gefühle. Es sind sieben Meditationen, in die wir uns aufmerksam hineinhören müssen und die jeden von uns mit den eigenen Gedanken konfrontieren. Darin liegt auch die gemeinsame Botschaft von Beethoven und Haydn. Ihre Musik richtet sich an jeden Menschen, der mit Schwierigkeiten ringt, wartet, nach Sinn sucht und Gemeinschaft braucht.
DETAILS
Bevor die Stille eintritt | Beethoven 200
19-03-2027 19:00 | 20-03-2027 19:00

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