Sie sind die Töchter großer polnischer Komponisten, doch keine von ihnen wollte auf die Rolle der „Tochter“ reduziert werden. Der Titel des Projekts (NIE)Córki, dt. (Keine) Töchter, verweist auf Irene Poldowski, die Tochter von Henryk Wieniawski, und Roxanna Panufnik, die Tochter von Andrzej Panufnik. Das in Klammern gesetzte „nie“ unterstreicht ihre künstlerische Unabhängigkeit. Beide wuchsen im Schatten berühmter Namen auf, entwickelten jedoch eine eigene musikalische Sprache und fanden ihren eigenen Platz in der Musikgeschichte.
Irene Poldowski, eigentlich Régine Wieniawska, wurde 1879 in Brüssel geboren. Sie war die jüngste Tochter von Henryk Wieniawski, der starb, als sie gerade einmal zehn Monate alt war. Sie studierte Klavier und Komposition in Brüssel, Paris und London, unter anderem bei Vincent d’Indy und André Gedalge. Nach ihrer Heirat mit dem britischen Aristokraten Aubrey Dean Paul trat sie auch als Lady Dean Paul in Erscheinung, veröffentlichte ihre Werke jedoch vor allem unter dem Pseudonym Poldowski. Die genaue Herkunft dieses Namens ist nicht bekannt. Der neutral oder männlich klingende Künstlername könnte dazu gedient haben, das Geschlecht der Komponistin zu verschleiern und zugleich eine gewisse Distanz zum berühmten Namen ihres Vaters zu schaffen. Gleichzeitig weckte er Assoziationen mit ihren polnischen Wurzeln.
Den wichtigsten Platz in ihrem Schaffen nehmen Lieder ein, insbesondere Vertonungen von Gedichten Paul Verlaines. Poldowski schuf mehr als zwanzig solcher Kompositionen, in denen sie die sprachliche Sensibilität der französischen Dichtung mit einer Harmonik verband, die dem Impressionismus Debussys und Ravels nahesteht. Es sind kurze musikalische Bilder von Liebe, Sehnsucht, Melancholie, Sinnlichkeit und flüchtigen Erinnerungen.
Roxanna Panufnik wurde 1968 in London geboren. Sie ist die Tochter von Andrzej Panufnik, einem der bedeutendsten polnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der sich nach seiner Emigration aus Polen in Großbritannien niederließ. Roxanna wuchs somit in einem polnisch-britischen Musikerhaushalt auf. Ihre Musik verbindet die europäische Tradition mit Einflüssen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Zentrale Themen ihres Schaffens sind Erinnerung, Spiritualität, Dialog und die Begegnung verschiedener Traditionen.
Während des Konzerts erklingt ihr Musikstück Cantator & Amanda für Fagott und Streichquartett. Die Komposition erzählt eine mittelalterliche Legende aus der englischen Stadt Rye über die verbotene Liebe zwischen dem Mönch Cantator und dem jungen Mädchen Amanda. Der Versuch einer gemeinsamen Flucht endet tragisch. Der Mönch wird gefangen genommen und bei lebendigem Leib in die Mauern des Klosters eingemauert, während Amanda vor Kummer stirbt.
Das Projekt wurde vom Poldowski String Quartet vorbereitet, das 2022 von Marta Piórkowska, Agata Krystek, Damian Kułakowski und Mateusz Błaszczak gegründet wurde. Die Musikerinnen und Musiker sind unter anderem mit der Nationalphilharmonie, der Sinfonia Varsovia, dem Polnischen Orchester Sinfonia Iuventus und dem Hashtag Ensemble verbunden. Ein Jahr später gab das Ensemble sein Debüt beim Festival WarszeMuzik. Die Wahl Poldowskis zur Namensgeberin des Quartetts bringt zugleich das Interesse des Ensembles am Schaffen vergessener oder abseits des etablierten Repertoires stehender Künstler zum Ausdruck.
DETAILS
(Keine) Töchter
07-10-2026 19:00

KammersaalFilharmonia im. Mieczysława Karłowicza w Szczecinie
ul. Małopolska 48
70-515 Szczecin