Zum ersten Konzert der Reihe PhilHERmonie in dieser Musiksaison begrüßen wir neben unserem Sinfonieorchester die koreanische Cellistin Sul Yoon, Preisträgerin des belgischen Königin-Elisabeth-Wettbewerbs, und die deutsche Dirigentin Katharina Morin, Gewinnerin des Deutschen Preises. Bevor ihre musikalischen Leistungen im Mittelpunkt stehen, werfen wir jedoch zunächst einen Blick auf die Geschichte der PhilHERmonie.
Der Weg der Frauen auf die Bühne begann mit dem Kampf um das Recht, überhaupt als Künstlerinnen öffentlich wahrgenommen zu werden. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert traten außergewöhnliche Persönlichkeiten hervor. Zu ihnen gehörte Élisabeth-Claude Jacquet de la Guerre (1665-1729), eine französische Cembalistin, Organistin und Komponistin, die als erste Frau in Frankreich eine Oper komponierte. Eine weitere bedeutende Künstlerin war Maria Theresia von Paradis (1759-1824), eine Wiener Pianistin, die in ganz Europa bekannt war. Dennoch blieb die Virtuosität von Frauen lange Zeit am Rande des offiziellen Musiklebens. Ihr Wirken beschränkte sich häufig auf die Höfe und Salons, oder sie galten als außergewöhnliche Einzelfälle, die lediglich die bestehende Regel bestätigten.
Der eigentliche Durchbruch kam erst im 19. Jahrhundert, als öffentliche Konzerte in den Mittelpunkt des Musiklebens rückten. Clara Schumann (1819-1896) genoss bereits 1835 europaweit hohes Ansehen. 1838 wurde sie vom österreichischen Kaiserhof geehrt und in die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufgenommen. Trotz ihrer acht Kinder und der Verpflichtungen des Familienlebens setzte sie ihre intensive Konzerttätigkeit fort. Neben ihr trat eine ganze Generation von Frauen hervor, die mit der Vorstellung brach, bestimmte Instrumente seien für Frauen „unangemessen“. Zu ihnen gehörten Camilla Urso (1842-1902), die Vorbehalte gegenüber der Violine als vermeintlich „männlichem“ Instrument überwinden musste, und Maud Powell (1868-1920), die auf beiden Seiten des Atlantiks als eine der herausragendsten Violinistinnen ihrer Zeit galt.
Noch schwieriger war der Weg der Frauen ans Dirigentenpult. Dirigieren galt lange Zeit nicht nur als Männerberuf, sondern auch als Ausdruck institutioneller Macht im Musikleben. Umso wichtiger sind die konkreten Daten: Am 5. November 1887 stand Mary Wurm, eine Schülerin von Clara Schumann, als erste Frau am Pult der Berliner Philharmoniker. 1923 dirigierte Eva Brunelli als erste Frau dieses Orchester in einem abendfüllenden Konzertprogramm. Nadia Boulanger wiederum war 1938 die erste Frau, die ein Abonnementkonzert der New York Philharmonic leitete.
Doch selbst diese Erfolge brachten die großen Musikinstitutionen nur langsam in Bewegung. Erst 1982 wurde mit Madeleine Carruzzo die erste Frau Mitglied der Berliner Philharmoniker. Bei den Wiener Philharmonikern dauerte es sogar bis 1997 (!), ehe mit der Harfenistin Anna Lelkes erstmals eine Frau offiziell in das Orchester aufgenommen wurde.
Heute hat sich die Situation deutlich verändert, doch abgeschlossen ist diese Geschichte noch lange nicht. Als Marin Alsop 2013 als erste Frau die Last Night of the Proms dirigierte, wurde dies von der Royal Albert Hall zu Recht als historischer Moment gewürdigt. Alsop selbst bemerkte damals mit Ironie, dass es solche „Premieren“ im Jahr 2013 eigentlich nicht mehr geben sollte. Noch in der Saison 2021/2022 hob die Metropolitan Opera hervor, dass fünf Dirigentinnen innerhalb einer Spielzeit einen neuen Höchststand in der Geschichte des Hauses darstellten. Und dabei sprechen wir von Institutionen, die seit Jahrzehnten weltweit Maßstäbe setzen.
Bei der Förderung von Solistinnen und Dirigentinnen geht es deshalb vor allem darum, ein Gleichgewicht zwischen Talent und Sichtbarkeit sowie zwischen Können und dem Zugang zur Bühne herzustellen. Die Geschichte der Frauen in der Musik ist letztlich die Geschichte eines langen Weges bis zu dem Punkt, an dem eine Künstlerin keine Sensation mehr sein muss. Es genügt, wenn sie einfach hervorragend ist.
DETAILS
PhilHERrmonie | Morgen in der Großstadt
09-10-2026 19:00

SinfoniesaalFilharmonia im. Mieczysława Karłowicza w Szczecinie
ul. Małopolska 48
70-515 Szczecin