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Etwas dazwischen

Sinfonisches Konzert
Sinfoniesaal
MUSIK
  • Ludwig van Beethoven - Ouvertüre zur Oper Fidelio op. 72
  • Elżbieta Sikora - Konzert für Flöte und Orchester (world premiere)
  • Antonín Dvořák - Sinfonie Nr. 9 e-Moll Aus der Neuen Welt, op. 95
Ungefähre Konzertdauer: 115 Minuten (einschließlich einer 30-minütigen Pause)
Jedes dieser Werke entstand in einem Moment des Übergangs – einer Zeit, in der etwas zu Ende geht, ohne dass schon sichtbar ist, was als Nächstes kommt. Die alte Welt wirft noch ihren Schatten, während sich die neue erst in vagen Konturen abzeichnet. Dies ist ein Konzert über genau diesen Augenblick: nicht über Stabilität, sondern über Bewegung – zwischen Epochen, Ästhetiken und Orten.

Beethoven schrieb Fidelio an der Schwelle zweier Welten – ästhetisch wie historisch. Auf der einen Seite die Opernkonventionen seiner Zeit, auf der anderen ein Freiheitsdrama inmitten politischer Unterdrückung. Leonore, die Hauptfigur, rettet ihren Ehemann aus dem Gefängnis, verkleidet als junger Mann – doch das ist nur die äußere Handlung. Im Kern erzählt Fidelio von einem inneren Übergang: von der Dunkelheit ins Licht, vom Schweigen zum Handeln. Die Ouvertüre, für die sich Beethoven schließlich entschied, ist kürzer und funktionaler als ihre früheren Fassungen. Sie enthält dramatische und heroische Themen – bleibt dabei aber in einer klaren, klassizistischen Form verankert. Der Komponist hält sich noch an vertraute Strukturen – doch er beginnt bereits, sie zu dehnen, um mehr zu sagen, als die Tradition erlaubt. Es ist Musik, die der alten Ordnung noch vertraut ist – aber schon im Geist der Zukunft denkt.

Elżbieta Sikora bewegt sich seit Jahren musikalisch an der Grenze zwischen Welten: zwischen Klassik und Experiment, zwischen Form und Klang. Ihr Konzert für Flöte und Orchester, das seine Weltpremiere in der Philharmonie Stettin erleben wird, passt in diesen Trend – es ist ein Werk, in dem das vertraute Instrument die Sprache der Gegenwart spricht. Es geht nicht um Provokation, sondern um die Suche nach einem neuen Raum für eine alte Stimme. Die Flöte, gespielt von Anna de la Vega, iner Australierin, die die internationale Klassikszene im Sturm erobert hat, wird dabei zur Wegweiserin durch ein Terrain voller klanglicher Überraschungen.

Ich komponierte dieses Werk in Gedanken an die in Belarus inhaftierte Flötistin Maria Kalesnikowa. An dem Tag, an dem ich auf der letzten Seite der Partitur das Schlusszeichen setzte, wurde Maria freigelassen. Ein außergewöhnlicher Zufall …

Im Konzert nutze ich die Klangfarben von drei Flöten – der Querflöte, der Piccoloflöte und der Altflöte -, um den klanglichen Raum des Hauptinstruments dieses Werkes zu erweitern.

Die vier einleitenden solistischen cis-Töne sind wie ein in den Raum gesendetes Morsezeichen oder wie ein Klopfen an eine Tür. Sie erscheinen noch mehrfach, transponiert nach fis und schließlich wieder nach cis zurückkehrend. Die Flöte versucht wie ein gefangener Vogel, so hoch wie möglich aufzusteigen, um im abschließenden Crescendo der Kontrabässe und der Pauke zu verschwinden – ein Signal sich schließender Tore.

In der Mitte des zweiten Satzes, der mit einem nachdenklichen, oszillierenden Motiv beginnt, tritt die Altflöte mit ihrer melancholischen Versenkung hervor. Auch dieser Teil endet in einem Crescendo der tiefen Klänge.

Ein unbeschwertes, selbstbewusstes rhythmisches Motiv – eine Ankündigung der Freiheit – eröffnet den dritten Teil. Hier erscheint die Piccoloflöte und zeichnet die wilden Mäander des Fluges eines anderen Vogels nach, der noch weiter und noch höher fliegen möchte. Um jeden Preis. Die Querflöte kehrt zurück, um in einer aleatorischen, virtuosen Kadenz den weiten Klangumfang dieses Instruments auszuschöpfen. Dem letzten Ton der Flöte folgt diesmal ein Diminuendo der tiefen Klänge, die – überwunden – verklingen.

Sowohl in der Solopartie als auch im Orchester habe ich die mir besonders nahe stehende Technik der kontrollierten Aleatorik verwendet, die hier nicht nur auf eine der Kompositionstechniken Witold Lutosławskis verweist, sondern zugleich ein Element der Freiheit einführt, ohne die man nicht leben kann.

Elżbieta Sikora


Und dann – die Neue Welt. Der Titel von Dvořáks Sinfonie ist längst zum Symbol geworden. Doch das Werk selbst ist weder amerikanisch noch tschechisch – es bewegt sich genau dazwischen. Entstanden 1893 in New York, trägt es die ganze Last der Sehnsucht nach der Heimat in sich. Dvořák hörte afroamerikanische und indigene Melodien – aber er zitierte sie nicht, sondern ließ sie durch das eigene musikalische Empfinden fließen. So schuf er eine Musik, die bis heute bewegt.

Dieser Abend erzählt nicht von dem, was bleibt, sondern vom Wandel. Vom Spannungsfeld zwischen dem Vertrauten und dem Unbekannten, von alten Formen und neuen Bedeutungen und davon, dass Musik – so tief sie auch verwurzelt ist – immer in Bewegung bleibt.

Allegro con fuoco aus Dvořáks 9. Symphonie, aufgeführt von den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Gustavo Dudamel:

VIDEOS UND FOTOS
FlötenkonzertKonzert für Flöte und OrchesterAuftrag der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, des Malmö Symphony Orchestra, des Opéra Orchestre national Montpellier Occitanie und der National Philharmonic Society of Lithuania.
Unterstützende Partner




DETAILS
Etwas dazwischen
24-04-2026 19:00
SinfoniesaalFilharmonia im. Mieczysława Karłowicza w Szczecinie
ul. Małopolska 48
70-515 Szczecin

April 2026
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